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Dilan wollte immer schon Apothekerin werden. Sie mochte es, Menschen zu helfen und deren Genesung zu verfolgen. Ging darin auf, Probleme zu lösen, Alternativen zu finden oder einfach ein aufmunterndes Wort an einsame Pensionisten zu richten. Sie hatte ein Händchen fürs Zusammenmischen von Tinkturen, Tees und Salben. Aber was sie ganz besonders an ihrem Beruf liebte, war die Ordnung in Apotheken. Schon als Kind hatte sie die zahlreichen Schubladen, Boxen und Schränkchen bewundert, in denen alles sorgfältig alphabetisch und nach Nutzung eingeordnet war. Alles war dort, wo man es erwartete. Auch jetzt als Erwachsene, kurz vor ihrer Pensionierung, liebte sie die perfekte kleine Ordnung in ihrer perfekten kleinen Welt. Jedenfalls war es bis vor Kurzem so gewesen.

Normalerweise würde sie für ihre Kollegen in der Team Santé Activa Apotheke in Wolfsberg die Hand ins Feuer legen, doch in letzter Zeit lag etwas im Argen. Es waren Kleinigkeiten. Kleine Mengen, die plötzlich fehlten und bei denen sich keiner erklären konnte, wo sie abgeblieben waren. Natürlich handelte es sich dabei nicht um verschreibungspflichtige Medikamente, keine starken Drogenersatz- oder Schmerzmittel. Nein, da hätte sie schon längst die Polizei alarmiert. Einmal hatte sie das in ihrer früheren Stelle in der Team Santé Apotheke Pinzgau erlebt, und das hatte für Unruhe gesorgt, was Dilan grundsätzlich ein Graus war.

Doch das hier war eigenartiger. Plötzlich fehlten morgens ein paar Gramm Wundpuder oder Probe-Döschen selbstgemischter Handcreme oder ein paar Milliliter vom Kräuter-Hustensaft. Nicht so viel, dass man damit Geld am Schwarzmarkt machen konnte, und auch nicht so viel, dass der Verlust ein Loch ins Budget reißen würde. Ab und zu wurde etwas in der Kassa oder bei der Inventur nicht richtig verbucht oder Proben wurden an Kundinnen ausgegeben und nicht vermerkt. Doch diese Einzelfälle klärten sich in der Regel schnell. Diesmal war es nicht so. Ihre Kolleginnen störte das nicht weiter, aber Dilan machte diese Lotterwirtschaft fast wahnsinnig. Also beschloss sie der Sache selbst auf den Grund zu gehen. Es geschah nicht jede Nacht und es waren immer andere Kollegen im Nachtdienst eingeteilt. Gleiches galt für die Reinigungskräfte, die sich nach Dienstschluss in der Apotheke einfanden. Dilan hätte sich am liebsten die Haare gerauft, aber das hätte ihre Frisur durcheinandergebracht. Also begnügte sie sich damit, auf ihrem Bleistift herumzukauen und auf ihre Notizen zu starren. Sie hatte Tabellen angefertigt. Alles schön ordentlich katalogisiert, mit allen Indizien, die sie sich zusammengesucht hatte. Alle Zeitpläne, alle fehlenden Substanzen, alle möglichen Verdächtigen auf einen Blick. Doch sie erkannte kein Muster. Kein Motiv. Und im Grunde kein Verbrechen. Nur dieses nagende Gefühl in der Magengegend, dass hier etwas vor sich ging, was Unordnung in Dilans perfekt geordnetes Apothekerinnenleben brachte.

200 Kilometer entfernt balancierte Ben seinen Hintern auf dem hölzernen Geländer vor der Team Santé Apotheke Hausmannstätten und sog genüsslich die frische Morgenluft ein. Er liebte diese Ruhe am frühen Morgen, ehe sein Dienst begann. Liebte den Geruch der Bäume und Büsche um sich herum, das Knirschen der Kiesbetten vor der Apotheke und das Gefühl von Holz unter seinen Händen. Ja, er liebte das Leben und seinen Job.

«Sie haben doch nichts ... eingeworfen, junger Mann?»

Der Herr Magister schob sich an ihm vorbei, um die Eingangstür aufzusperren, und warf Ben dabei einen strengen Blick über den Rand seiner Brille zu. Ben seufzte, aber er lächelte. Er lächelte fast immer und bekam deswegen auch fast immer dieselbe Frage gestellt. Worauf er tatsächlich auch immer dieselbe Antwort gab: «Ich brauch’ nur das Leben und die Menschen zum high sein, Herr Magister. Nichts weiter.»

Die beiden gingen ins Innere der Apotheke und Ben stolperte in seinen Chef hinein, als der abrupt stehenblieb. Hinter der Verkaufstheke standen ein paar Schubladen offen und am Boden lagen Glasscherben in einer bläulichen Flüssigkeit. Der Herr Magister sah Ben anklagend an. Der, wie konnte es anders sein, musste lächeln, denn es war ja wirklich lächerlich. «Herr Magister, ich war doch vor der Tür, wie sie gekommen sind. Ich hab ja gar keinen Schlüssel. Und schauen Sie, eingebrochen wurde auch nicht.» Die Augen des älteren Mannes verengten sich und Ben spürte tatsächlich so etwas wie Empörung in sich aufsteigen. «Ich habe nichts eingeworfen und ich habe mit Sicherheit nichts aus der Apotheke genommen.» Er hielt nichts von altmodischem Gedankengut wie Ehre, allerdings fühlte er sich schon in der seinigen verletzt. Wie konnte jemand annehmen, dass er seine Arbeitsstelle bestahl? Er hockte sich vor das Malheur am Boden und beäugte es genauer.

«Eigenartig. Das ist nur der Kräuterhustensaft für Kinder. Wer macht denn sowas?» Für einen Moment war sich Ben selbst nicht sicher, ob er etwas eingeworfen hatte. Waren da wirklich Miniatur-Fußabdrücke im Hustensaft, die von den Scherben wegführten?